Sehr geehrte Damen und Herren Liebe Tanja
Liebe Inga

Ich freue mich sehr, Sie herzlich zur diesjährigen Verleihung des Frauenkunstpreises in der Galerie Beatrice Brunner begrüssen zu dürfen.

Als Jury hatten wir die schwierige Aufgabe, aus insgesamt 24 hochkarätigen Eingaben eine Preisträgerinnen zu erküren. Zudem hatten wir die Möglichkeit einer zweiten herausstechender Bewerberin die Möglichkeit zu geben, teil der hier installierten Ausstellung zum Frauenkunstpreis zu sein. Sie haben es uns nicht leicht gemacht! Denn die präsentierten Werke zeichneten sich durch ein interessantes, breites Spektrum an Medien aus! Umso mehr freut es mich heute Abend die zwei Künstlerinnen Tanja Schwarz und Inga Steffens hier in der Galerie beehren zu dürfen. Die hier gezeigten Arbeiten könnten nicht unterschiedlicher sein: einen Seite finden wir die Malerei und auf der anderen Seite das bewegte Bild.

Ich finde es ausserordentlich, dass der Frauenkunstpreis das Potenzial in sich birgt, zwei so unterschiedliche ja fast konträre künstlerische Positionen unter einen Hut zu bringen und diese der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Zuerst möchte ich einige Worte zur Malerei von Inga Steffens sagen:

Eine kurze Beschreibung soll helfen, in die Gedankenwelt von Inga Steffens einzutauchen. Auf dem Bild hier neben mir sieht man die Ecke eines Sofas. Es ist braun, leer und hebt sich nur zögerlich vom gelblichen Hintergrund ab.
Die Zeit verlangsamen, beobachten, nachdenken, neu interpretieren: In ihren Arbeiten porträtiert Inga Steffens ihre eigene, nähere Umgebung, dazu bewegt sich die Künstlerin im Raum und sucht akribisch in ihrem Atelier nach den gewünschten Bildern. Immer wieder sucht Inga Steffens Distanz zu ihrer Umgebung, tritt ein Schritt zurück, um dann umso bestimmter diesen analytischen Blick in ihrer Malerei fest zu halten. Ihr ist es wichtig die Objekte so darzustellen, wie sie sind: unverzerrt, realistisch, im Zoom wodurch Inga Steffens intime Bilder kreiert. Das kleine bis mittlere Format der Bilder schmeichelt wunderbar diesen intimen Momenten – die Bilder erhalten etwas Existenzielles, Ruhiges und stellen somit einen wunderbaren Kontrast zur überfluteten Bilderwelt von heute dar. Auffällig in ihrer Arbeit ist zudem das Spiel mit den Titeln. Die Titel sind weder besiegelt noch evident, im Gegenteil: die Titel hinterlassen spuren die verfolgt werden möchten, denn sie sind beweglich und verästelt.

Liebe Inga, es freut uns durch den Frauenkunstpreis deine poetische und subtile Arbeit kennengelernt zu haben und wünschen dir für deine weitere Karriere alles Gute.

Nun möchte ich zur Preisträgerin Tanja Schwarz kommen:

„Sie schreibt: man muss so differenziert sein wie möglich. Aber ich gebe zu, ich war eine von jenen, die gerne eine Generation früher geboren wären und im Gymnasium barfuss rumliefen. Einen Moment lang habe sie es tatsächlich für möglich gehalten, dass hier etwas Entscheidendes passieren könnte. So wie vor 10 Jahren beim Protestmarsch gegen den Irakkrieg. Die Geschichte setzt sich fort, die Bilder bleiben die gleichen. Alles ist Wiederholung. Dieselben Slogans, dieselben Codes. Dieselben Sehnsüchte. Dieselben Anliegen. Nur ist man mittlerweile höflich und zurückhalten. Einmal mehr müsste man einen neuen Typus von Rebellion erfinden.“

Dieses Zitat stammt aus der hier ausgestellten Arbeit „Ich werde mir das Leid der anderen nicht vorstellen“ (2013/2014). Tanja Schwarz und Roger Fähndrich, gehen in diesem Film der Frage nach, wo die Grenzen zwischen Realität und Imagination, Kunst und Leben liegen. Im 55-minüntigen Essayfilm verarbeiten sie Videomaterial aus der Zürcher Occupy-Bewegung mit den Aufzeichnungen einer privaten Südamerika-Reise. Die Wirkung dieser Arbeit geht in mehrere Richtungen: Die filmische Dokumentation direkt von der Strasse vermittelt eine ausdrückliche Wucht, während aber zugleich tiefe Einblicke in private Momente gegeben werden.

Ihre Werke hinterfragen unser Wertesystem, unseren Bezug zu Geld und Widerstand, die Grenze zwischen Privat und Öffentlichkeit, den Umgang mit dem Bewusstsein, der Liebe und die entsprechenden Reaktionen. Die Künstlerin bedrängt die Betrachter aber nicht mit eindeutigen Aussagen, sondern bietet Angebote, die es ermöglichen, eigene Gedanken zu entwickeln.

Die Kunst dem Sozialen und Politischen anzunähern ist eine grosse Herausforderung innerhalb der Spielregeln der zeitgenössischen Kunst, sind diese doch allzu häufig an der Vermarktung von fertiggestellten Werken interessiert. Tanja Schwarz profiliert sich im Zeichen einer kritischen und offenen Kunstszene und sucht in ihrem Schaffen neue Formen jenseits des Werk-Fetischismus und des Kunstmarktes. Ihre Auseinandersetzung mit sozialen Themen ist von philosophischen Gedanken, gesellschafts-politischen Begebenheiten und intellektueller Schärfe geprägt.

Zur Zeit arbeitet Tanja Schwarz in Kollaboration mit anderen KünstlerInnen am multidisziplinären Projekt „Ha! Die Welt! (Man tritt aus dem Haus und ist erstaunt)“. In diesem Projekt beschäftigt sie sich mit der Erstaunlichkeit zeitgenössischer Lebensformen. Das Projekt umkreist die Frage: Wie sollen/wollen wir leben? Damit versucht Tanja Schwarz, als Teil eines Kollektivs, die Möglichkeiten und Grenzen des modernen Menschseins im Spannungsfeld von digitaler Demenz und kollektivem Gedächtnis, von Privat und Öffentlichkeit, Bewusstsein und Rausch und Natur,Technik und Transzendenz zu erforschen.

Liebe Tanja wir möchten dir zu diesem Preis gratulieren und wünschen dir für die Weiterführung des Projekts „Ha!Die Welt!(Man tritt aus dem Haus und ist erstaunt)“ gutes gelingen und wünschen uns noch viele so anspruchsvolle und interessante Arbeiten von dir zu sehen! Vielen Dank


Laudatio von Ismene Wyss, M.A., Wissenschaftliche Assistenz, Institut für Kunstgeschichte, Universität Bern, gehalten am 9. Oktober 2015 an der Preisverleihung.

zurück
Tanja_Schwarz.html