Preisverleihung vom 16. Oktober 2020

                       Förderpreis: Lisa Zuber – Galeristin: Beatrice Brunner – Hauptpreis: Nicolle Bussien

Würdigung der Preisträgerinnen


Im Namen der Jury heisse ich Sie herzlich willkommen zur heutigen Verleihung des Frauenkunstpreises 2020 an die Hauptpreisträgerin Nicolle Bussien und die Förderpreisträgerin Lisa Zuber. Es ist ein besonderes Jahr, das uns alle fordert. Schön, sind wir wenigstens in kleinerem Rahmen hier ‘live’ zusammen. Und wunderbar, dass der Stiftungsrat des Frauenkunstpreises eingewilligt hat die Preissummen in diesem Jahr ein wenig zu erhöhen, damit die beiden Preisträgerinnen in diesen finanziell schwierigen Zeiten einen Zustupf erhalten.

Ich werde eine kurze Einführung zu Nicolle Bussien und ihrer Arbeit geben, danach wird Sophie Schmidt, ebenfalls Jurymitglied, ihre Worte zu Lisa Zubers Arbeit an Sie richten.


Nicolle Bussien, geboren in Solothurn, aufgewachsen in Zürich, wo sie ein gestalterisches Propädeutikum an der ZHdK absolvierte, kam 2012 nach Bern. 2015 schloss sie hier ihren Bachelor of Fine Arts an der Hochschule der Künste HKB ab. Und Bern ist seither ihr Arbeitszentrum, wenn sie nicht irgendwo für eine Ausstellung beschäftigt ist oder wie zuletzt im Wallis eine Künstlerresidenz innehat. Denn in Bern war sie 2015 Mitgründerin des Vereins Schwobhaus, einer Ateliergemeinschaft, in dem früher regelmässig einmal im Monat «Immer am Achten», heute unregelmässig verschiedene spartenübergreifende Veranstaltungen stattfinden. Was damals als einjährige Zwischennutzung begann, wird weitere Jahre bestehen bleiben, denn das geschichtsträchtige Künstlerhaus bietet neben Nicolle Bussien einer ganzen Reihe von jungen Kunstschaffenden einen Ort zum Arbeiten, aber auch zur Begegnung.


An diesem besonderen Ort in der Nähe des Berner Bahnhofs hat die Jury Nicolle Bussien Ende August besucht. Wir waren beeindruckt von der reflektierten Präsentation ihrer künstlerischen Arbeit, in denen sie gesellschaftspolitische Themen aufgreift. So entstand ihr Projekt «Lights On» bei einem Nebenjob als Porträtfotografin aus der visuellen Sprache von Bewerbungsfotos. Inspirationen entnimmt Nicolle Bussien auch aus kulturpolitischen Engagements wie aus der Mitarbeit bei INES (Institut Neue Schweiz), ein Think & Act Tank, der über Fragen zu Rassismus und Migration hinaus gesellschaftspolitische Visionen entwickelt. Für «Lights On» beobachtete sie Diskriminierung aufgrund von optischen Erscheinungen und sammelte hierfür Erfahrungsberichte von Stellensuchenden, die zu ihren Expert*innen für eine auditive Skizze wurden. Eine erste Installation konnte sie im Januar im Kunstraum Aarau im Rahmen einer Einzelausstellung ausprobieren. Mit den Erfahrungen und Feedbacks von dort und dem Preisgeld des Frauenkunstpreises soll «Lights On» professionell umgesetzt werden.


Für die Ausstellung hier in der Galerie Béatrice Brunner hat Nicolle Bussien zwei ganz neue Arbeiten, in der Residenz im Wallis entstanden, ausgewählt. Sie geben einen Einblick in ihre multiperspektivische Arbeitsweise. «Réviser les lignes» und «Themus» nähern sich beide experimentierend der Bildsprache einer der erfolgreichsten Sportarten und Kulturprodukten unserer Zeit – dem Fussball. Im Komplex von Wettkampf, Spektakel, Freizeit, Gemeinschaft, Konsum und Business ist der Fussball immer wieder Schauplatz von politischen Debatten um Migration und Zugehörigkeit. Beide Arbeiten sollen das kategorische Denken in «Wir» und «die Anderen» herausfordern, um auf eine lustvolle Art und Weise ein anderes – echteres – Verständnis von Gemeinschaft und Spiel zu erproben. In der 2-Kanal-Videoinstallation «Réviser les lignes» erinnert sich Mohamed Hassan: «Als wir klein waren, spielten wir Schweizer*innen gegen Ausländer*innen.» Über die visuelle Dekonstruktion eines klassischen Fussballfeldes wird der Moment «Gruppe gegen Gruppe» hinterfragt. Für «Themus» entwarf Nicolle Bussien zusammen mit Nina Jaun und Vanja Ivana Jelićausgehend von einem Haufen von nationalen und internationalen Fussballtrikots alternative Fussball-Nati-Shirts, die sich kategorischen Zuschreibungen entziehen.


Im Namen der Jury – herzliche Gratulation, liebe Nicolle, alles Gute auf dem weiteren Weg und viel Erfolg bei der Ausführung von «Lights On». Auf das Ergebnis freuen wir uns schon jetzt.


Nachwuchspreis

Nun kommen wir zu Lisa Zuber, ihr Bewerbungsschreiben und der Text der Bachelorarbeit, den sie der Bewerbung beigelegt hat, liest sich wie ein «Kriterienkatalog» zur Förderung des Frauenkunstpreises. Doch dazu später.

Lisa Zuber besuchte von 2012 bis 2013 den Vorkurs für Gestaltung in Bern und anschliessend von 2014 für zwei Jahre die Grafikfachklasse Biel. Daraufhin begann sie das Studium an der Hochschule der Künste Bern, welches sie dieses Jahr mit dem Bachelor of Fine Art abschloss.

In ihren Arbeiten geht es u.a. um Mensch und Figur und wie beide miteinander in Verbindung stehen. «Stabile Instabilität» – diese Rückmeldung bekam die Künstlerin von Hans Rudolf Reust bei ihrem Abschlussgespräch des Studiums.

Malerei ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Das Material vieler Bilder ist Öl auf Baumwolle, bei einigen ihrer Bilder verwendet sie Textilien wie z. B. Nylon-, Baumwoll-, und Frotteestoff. So lotet sie die Grenzen zwischen Malerei und Objekt und Installation aus. Die Bilder können auf verschiedenen Ebenen «gesehen» werden: Sie stehen für sich selbst und können ebenso ein Bestandteil einer Installation sein.

Das ist auch an ihren Arbeiten hier im Galerieraum zu sehen:

Sie zeigt Bilder (Öl auf Leinwand), auf denen wir fragile Figuren sehen können. Für die Künstlerin stellen diese Figuren Zeichnungen im Raum dar.

Die andere Arbeit, «after all, stillness is a matter of urgency», sechs wartende Figuren aus Alltagsgegenständen wie z. B. Stoffen, Stofffetzen, Stofffäden, Schläuchen, Perlen etc. mit oder ohne Kopf, Rückgrat, Händen und Füssen wirken auch sehr «stabil instabil». Die Dringlichkeit der Stille. Worauf warten die Figuren, machen sie Pause?

Der Gewinn des Frauenkunstpreises ermöglicht es der Künstlerin hoffentlich auch eine kurze Pause einzulegen, bzw. ihre künstlerische Praxis weiterzuführen, denn sie sagt selber in ihrer Bachelorarbeit auf S.31: «Pausen sind immer Teil der Arbeit, weil sie mir die Möglichkeit geben, mich zu bewegen, andere Blickwinkel zu erlangen und so Fragen zu stellen.» Ein so weiser Satz einer jungen Künstlerin, von dem wir als Jury sogleich dachten, dass wir uns diesen auch zu Herzen nehmen sollten!

Lisa Zuber steht am Beginn ihrer künstlerischen Arbeit: Die Jury überzeugte sie durch ihre klare Haltung, die vielfältige und reflektierte Arbeit, die in ihrem sehr jungen Alter und frisch aus dem Bachelor-Studium überrascht und erfreut. Damit Sie sich ein Bild von ihrer klaren Haltung machen können zitiere ich aus dem Anschreiben der Bewerbung: «Mir ist bewusst, dass der Abschluss eines Fine Art Bachelorstudiums ein ungewöhnlicher Moment ist, um sich um einen solchen Kunstpreis zu bewerben. Ich mache es trotzdem, weil ich nicht schon jetzt verschwinden will. Ich freue mich auf Ihre Antwort. Herzliche Grüße Lisa Zuber»

Und hier ist die Antwort: Der Förderfrauenkunstpreis geht an Lisa Zuber.

Herzliche Glückwünsche im Namen der Jury!